Die Utopie mit den (Alt)Kleidersammlungen

Aktualisiert: 1. Juli

Wer kennt sie nicht: Die Altkleidersäcke, die wir regelmässig in unseren Briefkästen empfangen? Aber was geschieht eigentlich mit den Kleidungsstücken, die wir einwerfen? Wie sieht es mit dem Nachhaltigkeitsansatz aus und vor allem: Was sollen und was sollen wir nicht einwerfen?


Dazu kommen wir etwas später. Zunächst mal haben wir hier ein paar Fakten für dich aufbereitet.


In der Schweiz sammeln wir pro Kopf und Jahr gemäss Bundesamt für Umwelt rund 6 kg Textilien – die restlichen Kleider werden entweder privat weitergegeben oder im Abfall entsorgt. Neben den Kleidungsstücken fallen in diese Kategorie natürlich noch weitere Textilien – wie Teppiche, Vorhänge, Bettwäsche oder ähnliches.


Gemäss dem Report A New Textile Economy gelten 70% der in Europa und den USA gesammelten Kleidung als wiederverwendbar. Diese Zahlen decken sich ungefähr mit deren des Bundesamtes für Umwelt, welches angibt, dass bis zu 2/3 Drittel noch in solch gutem Zustand, dass sie weiterhin getragen werden könnten. Könnten! Dies ist aber meist nicht der Fall: Nur gerade 20 % von diesen Kleidungsstücken finden ihren Weg auf den heimischen Markt, viel zu gering ist die Nachfrage. Wieso eigentlich? Und, wie könnte man dem entgegenwirken? Ist sogar hier Fast Fashion lukrativer für die breite Bevölkerung?


Der Rest wird an Textilhändler verkauft, die diese sortieren und ins Ausland verkaufen, insbesondere nach Osteuropa, Russland, Afrika und in den Nahen Osten. Von diesen Kleidern wiederum werden gerade mal 70 % tatsächlich wiederverwendet. Somit werden derzeit 87 % der für die Bekleidungsherstellung verwendeten Materialien nach ihrer endgültigen Verwendung deponiert oder verbrannt. (Estimate based on Circular Fibres Initiative analysis on the share of materials see Globaltexassociates)


Nebst irrsinnigen Wirtschaften, dem unglaublichen Wertverlust des Materials und auch der Kosten für die Deponie, birgt die Kleidung bei der endgültigen Verwertung immer noch negative Umweltauswirkungen. Bei der Zersetzung von Naturfasern wie Baumwolle und Wolle entsteht das Treibhausgas Methan, das in die Umwelt freigesetzt wird und dass Fasern auf Kunststoffbasis noch verheerendere Folgen für die Umwelt mit sich bringt; darüber könnte man einen eigenen Beitrag schreiben. Das Altkleidersammelmodell hat zwar die Wertschöpfung und Verwertung von Kleidung erhöht, ist aber langfristig keine Lösung, da es zu einer Sättigung der Märkte in den Empfangsländern führen wird oder bereits geführt hat.


In Uganda machen gebrauchte Kleidungsstücke bereits 81 % aller Textileinkäufe aus.

Eine riesige Katastrophe für die Textilindustrie in Ostafrika, die bis in die 1970er Jahre eine der wichtigsten Branchen in Ostafrika war. Eine halbe Million Menschen fand hier Arbeit. Dann kamen die Konkurrenten: Kleider aus Asien und noch viel schlimmer, Altkleider-Anbieter, welche diese zu einem ihrer wichtigsten Absatzmärkte machten. Nur die wenigsten lokalen Firmen hielten dem Preisdruck stand. Heute verdienen in der Region nur noch 20.000 Menschen mit der Kleiderherstellung ihren Lebensunterhalt.


Eine Fallstudie aus dem "A New Textile Economy" Report über den Export von Altkleidern aus den nordischen Ländern nach Malawi zeigte den Mangel an Infrastruktur für die Abfallsammlung im Allgemeinen und, dass ein starker Fokus auf den materiellen Wert der Produkte dafür sorgt, dass Textilien so lange genutzt werden, bis ihr Wert ausgeschöpft ist. Danach werden sie oft in der Umwelt entsorgt. Während solche Wiederverwendungssysteme zwar die Verwertung des Materials erheblich steigern, geht letztlich noch immer der Restwert aus dem System verloren und; wir – die hier konsumieren – geben "das Problem" somit ab.

Es gibt viele Orte auf der Welt, wo sich Abfallberge von fast-fashion Kleidern türmen – schön versteckt. Ein solcher Ort liegt in der Atacama-Wüste in Chile. Das Land in Südamerika ist seit längerem eine Drehscheibe für gebrauchte und nicht verkaufte Textilien aus der ganzen Welt. Jährlich landen dort rund 59’000 Tonnen Kleider. Alles, was nicht an benachbarte Länder oder in die Hauptstadt Santiago de Chile weiterverkauft wird, landet in der Wüste. Diese Mülldeponien und Textilabfälle verursachen oft Brände und verschmutzen die Luft – eine grosse Belastung für das gesamte Ökosystem, was auch die Anwohner der Deponien stark betrifft. Es bleibt das grosse Problem: Die Überproduktion der Textilindustrie sowie der Massenkonsum.


Da Sammelsysteme die Nutzung von Kleidung erhöhen, könnte die Sammlung zur Wiederverwendung eine wichtige Rolle in einer neuen Textilwirtschaft spielen – zumindest mittelfristig, bis sich Modelle für den Wiederverkauf weiter durchgesetzt haben. Wir sagten es bereits zuvor, wiederholen uns aber sehr gerne; Wie wäre es mit Tauschen statt kaufen?


Paradoxerweise gibt es nach wie vor Menschen, die sich ekeln, etwas bereits Getragenes zu tragen – sich jedoch nicht davor ekeln, wenn Textilarbeiter*innen Kleidungsstücke unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu einem unwürdigen Lohn nähen müssen, diese Textilien einen sehr ressourcenintensiven Weg hinter sich haben und das gesamte Ökosystem sowohl durch die Produktion, das Färbverfahren und die Endverwertung leiden muss.


Es ist offensichtlich: Das Potenzial zur Ausweitung der Sammlung zur Wiederverwendung ist begrenzt. Auch wenn dieses System in manchen europäischen Ländern und den USA aktuell noch so funktioniert. Für ein nachhaltigeres Wirtschaften und Umsetzen des Reuse-Ansatzes müssten nebst dem weltweiten Kopieren und Einführen dieser Systeme, müssten Märkte geschaffen werden, die die Wiederverkaufsmodelle langfristig ermöglichen. Was wiederum heissen würde, der hart umstrittene Kampf in der Fashion Branche wird mit einer weiteren Variante noch umworbener. Hier stellt sich wieder einmal mehr die Frage: Auf wessen Kosten?


Widmen wir uns noch der Frage; Was sollen und was sollen wir nicht in den Altkleidersack einwerfen?


Sagen wir’s mal so: Wir sind uns da nicht einig mit den verschiedenen Organisationen, die schweizweit jährlich rund 50'000 Tonnen Textilien sammeln. Wieso? Nun, wir sind der Meinung, saubere, noch tragbare Kleider aller Art – auch Lederkleidung sollten nicht im Altkleidersack verschwinden – schon gar nicht, wenn sie zu den 40% gehören, die maximal zweimal oder sogar nie getragen wurden!



Ob die Vermittlung bei einer Kleidertauschbörse, in einem Secondhandshop, einem Brockenhaus oder für das Upcycling stattfindet, spielt hier keine Rolle. Wichtig ist, dass die Vermittlung stattfindet und nicht Kleider – manchmal ungetragen, noch mit Preisetikett versehen – im Altkleidersack landen. Ganz nach dem Motto "aus den Augen, aus dem Sinn" oder "nicht mehr mein Problem".


Und wenn die Kleidungsstücke kaputt sind, dann haben diese noch weniger in einer Textilsammlung verloren. Mittlerweile gibt es viele Repair Cafés oder Flickwerkstätten, in welchen kaputter Kleidung wieder ein Hauch Liebe und dadurch mehr Zuwendung gegeben werden kann.


Was wir daraus lernen und dir auf den Weg geben möchten…


…, dass es einerseits einen bewussteren Konsum und andererseits ein Ende der unverhältnismässigen Massenproduktion von Kleidern braucht, um diese grossen Abfallberge von Altkleidern zu verhindern. Dass Kleider nach wie vor als Wegwerfprodukt gelten und Unternehmen somit auf Quantität statt Qualität setzen, wirft natürlich noch Öl ins Feuer der Modewelt – oder Massen an Altkleider in Deponien – die unseren Planeten langsam, aber sicher zerstören.



Denn bist du dir erstmal bewusst, welche Auswirkungen der Kauf von Textilien auf Menschen und Umwelt hat, wirst du selbstkritischer und bestimmter Konsumieren.


Und diese 5 Fragen werden dir dabei immer helfen:


✔️ brauch ich das Teil wirklich? ✔️ kann ich’s von jemandem ausleihen? ✔️ kann ich’s Tauschen statt kaufen? ✔️ gibt’s es Secondhand? Oder aber ✔️ kann ich mir eine faire Alternative leisten?





 

Diese wertvollen Worte wurden von Rahel Ebner verfasst. Sie ist selbständige Kommunikationsberaterin für Kreative, KMUs & NPOs, die den Wandel nicht nur anstossen – sondern gestalten.

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